Vor 4-5 Jahren habe ich bei dooyoo.de mal ne ganze Reihe Testberichte unter dem Pseudonym ‘Flyguy’ (Oh mein Gott) geschrieben, vor allem ‘Musikrezensionen’. Ich finde es grad sehr lustig, die nochmal zu lesen. Zum Teil gabs recht große Resonanz, deshalb stell ich sie einfach mal hier ein…

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Seine Knie waren plötzlich eingeknickt und hatten ihn zurück in seinen Sessel gezwungen. Nur mit Mühe hatte er einen Sturz mitten auf den kleinen 70er-Jahre Plastiktisch verhindern können, auf dem ein Kunstfaserdeckchen mit geometrischen Figuren in verschiedenen Rot- und Brauntönen von leeren Flaschen, Aschenbechern, Kassettenhüllen und dutzenden Papieren aller Größen fast verdeckt wurde.
Eben noch war er erregt aufgesprungen und hatte ungläubig auf den kleinen Fernseher gestarrt, im nächsten Augenblick sackte er in sich zusammen und schien in dem mit rotem Samt bespannten Schalensessel fast zu versinken.
Immer tiefer zog es ihn hinunter, als würde sich der Sessel langsam seinem Körper anpassen und sich sanft um ihn legen. Gleichzeitig bekam er das Gefühl, dass seine Beine anfingen zu wachsen und sein Knie immer höher und höher über dem Boden ragten, während sein Kopf langsam zwischen den Schultern zu versinken drohte.
Das Gequake des Fernsehers rückte immer mehr in den Hintergrund und verband sich mit der intensiver werdenden Musik der Stereoanlage, die begann, den Raum auszufüllen.
Ein dünner, weißer Schleier zog vor seine Augen, verbunden mit einem leichten Brennen, und die Farben um ihn herum schienen gleichzeitig zu verschwimmen und doch immer lebendiger zu werden.
Die Lichtpunkte der Diskokugel über ihm wichen immer öfter von ihrer stetigen Bahn ab und die bunten Spots warfen immer neue Schatten in alle Ecken des Raumes.
Er blickte starr in die hinterste Ecke des Raumes, wo orange Blasen sich behäbig vom Boden der Lavalampe lösten und langsam nach oben stiegen.
Die Musik lief langsam in seinen Kopf, die Bässe schwappten wie eine zähe Flüssigkeit durch seinen Schädel und lösten kleine bunte Blitze aus, die durch eine träge graue Masse zuckten.
Das Muster der Tapete begann unmerklich, sich in kleinen Spiralen aufzudrehen.
Er schloss die Augen.
Augenblicklich begannen Töne und Klänge auf ihn einzustürzen.
Mehr und mehr Instrumente und Geräusche trennten sich auf und nahmen feste Orte an in einem Raum aus Klang. Melodien, komplex und doch schön und klar, zogen in pulsierenden Reihen durch Ihn hindurch.
Als er die Augen öffnete, starrte er benommen auf die Lavalampe, in der eine dicke orange Blase reglos in der Mitte der Flasche hing. Dahinter konnte er die Lichtflecken der Diskokugel sehen, die bewegungslos an der Wand verharrten. Er zwang sich, den Blick auf seine Beine zu richten: seine Knie stakten in absurdem Winkel in die Höhe. Zwischen ihnen hindurchblickend bemerkte er, wie einzelne Fasern des Teppichs begannen, langsam an seinen Waden emporzuwachsen.
Er nahm all seine Kraft zusammen und kippt nach links aus dem Sessel, rappelte sich auf und taumelte zur Tür, in den Gang, die Kellertreppe hinauf und vor die Tür.
Die Sonne schickte Ihre letzten Strahlen über das Land direkt in seine Netzhaut und ein leichter Wind fegte den Nebel aus seinen Augen.
Stille legte sich auf ihn wie ein Vakuum, schien das Gewummere der Musik hinter ihm zu verschlucken, kein Laut dran von der Strasse, keine Stimme.
Er trat zögerlich zwei Schritte aus dem Hof und blickte irr auf das Wahlplakat auf der gegenüberliegenden Seite.
Er war plötzlich wieder ganz klar.
Er hatte sich dafür entschieden zu bleiben. Gestern hatte er das Ticket in letzter Minute zurückgegeben und damit auch das Geld abgelehnt.
Eben hatten sie das amtliche Endergebnis bekannt gegeben.
Bei 46% Wahlbeteiligung und mit einfacher Mehrheit würde Roland Koch der nächste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden.